Aggression gegen Gesundheitspersonal steigt

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Sie wollen anderen Menschen helfen, doch statt Dank erleben manche medizinischen Fachkräfte Aggressionen und Gewalt. Rücken Rettungswagen mit Blaulicht und Folgetonhorn aus, schießt der Adrenalinspiegel nicht nur wegen der schnellen Fahrt in die Höhe. Gewalt gegen Rettungskräfte gehört oft schon zum Alltag. Sie nehmen seit Jahren ein deutliches Zunehmen von Aggression dem Gesundheitspersonal aber auch Gesundheitsexperten, Feuerwehr und Polizei/Security gegenüber wahr. Andererseits haben bestehende Missstände im Gesundheitssystem und dadurch auch das Konfliktpotenzial weiter zugenommen. Was ist mit unserer Gesellschaft passiert?  

Ein funktionierender Staat ist abhängig von seinen Helfer*innen – doch kaum einer dankt es ihnen. Doch Ärzte und Gesundheitspersonal werden immer häufiger zur Zielscheibe von Beleidigungen, Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen. Sie werden vermehrt Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt und werden brutal attackiert – was kommt als Nächstes? Mitunter erfordert dies Security bzw. sogar Polizeischutz.  Die Generalversammlung des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA) hat die Zunahme von Gewalt gegen Personal und Einrichtungen des Gesundheitswesens scharf verurteilt. Sie fordern eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt am Arbeitsplatz.

Der Ruf nach schärferem Vorgehen ist besonders laut

„Für viele Beschäftigte im Gesundheitswesen gehört es zunehmend zum beruflichen Alltag, dass ihnen Aggressivität entgegen schlägt. Die Gewalt gegen medizinisches Personal ist ein weltweit wachsendes Problem. Und sie hat potenziell zerstö­re­rische soziale Auswirkungen. Sie beeinträchtigt das gesamte Gesundheitssystem, untergräbt die Qualität des Arbeitsumfelds und wirkt sich auf die Qualität der Patientenversorgung aus. Gewalt am Arbeitsplatz hat Folgen für die Fachkräfte und kann sogar dazu führen, dass die Betroffenen den Spaß an ihrem Beruf verlieren. Viele denken bereits an einen Berufswechsel nach. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Burnout“, sagt auch Dr. med. univ. Andreas Bendtsen, Gruppenarzt & Medizinischer Leiter des Samariterbund Bildungszentrums Favoriten

Aggression, Beschimpfung und Beleidigungen

“Feuerwehren und Polizei müssen Schaulustige vom Unfallort fernhalten und werden dafür beschimpft und beleidigt. Das Rettungspersonal muss Hupkonzerte über sich ergehen lassen, wenn sie beim lebensrettenden Einsatz die Unfallstelle absperren. Dies oft völlig irrational weil die Helfer*innen und Assistent*innen im Dauereinsatz nicht mehr lächeln können. Die Anonymität in Social Media und Bewertungsplattformen lässt Hetze und Lügen unreflektiert und unbestraft”, erklärt Karl Svoboda, geschäftsführender Obmann vom Samariterbund Favoriten.

Furcht vor Gewaltdrohung und tätlichen Übergriffen

Viele machen sich auch Gedanken, was ihnen ganz persönlich am Einsatzort widerfahren könnte. Denn die Helfer*innen sehen sich seit Jahren Situationen ausgesetzt, in denen sie um die eigene körperliche Unversehrtheit fürchten müssen. Notärzt*innen und Sanitäter*innen arbeiten seit Jahren unter erschwerten Bedingungen. Desinfektion von Rettungswagen und das Anziehen von Schutzanzügen kosten auf der einen Seite Zeit, auf der anderen Seite „ist die Arbeit darin extrem schweißtreibend. 

Grundsätzlich unterscheiden wir vier Gefährdungsstufen:

  • Stufe 0
    Normale bzw. kontroverse Einsatzsituation, z. B. Patientenversorgen, Räumung eines durch Brandrauch gefährdeten Bereichs
  • Stufe 1
    Verbale Aggression, z. B. Patient bzw. Patientin verweigert die Versorgung, Person leistet den Anweisungen der Einsatzkräfte nicht Folge, Beschimpfung, Sachbeschädigung z. B. an der Ausrüstung der Einsatzkräfte
  • Stufe 2:
    Körperliche Gewalt, eindeutige Bedrohung / Nötigung der Einsatzkräfte, z. B. aktives Widersetzen / Behindern bei einer Versorgung / Einsatzmaßnahme, Schubsen, Treten, Beißen, Anspucken, Eindringen in den RTW zur „Patientenbefreiung“, Manipulieren der Löschwasserversorgung
  • Stufe 3:
    Einsatz von Waffen / Werkzeugen gegen die Einsatzkräfte, Amoklauf, Geiselnahme, Überfall. Die Häufigkeit der Ereignisse von Stufe 0 zur Stufe 3 hin nimmt deutlich ab. Spätestens ab Gefährdungsstufe 2 muss gelten: Die Sicherheit / Konfliktlösung muss von der Polizei sichergestellt werden.

 

Gründe

Gründe für die Stigmatisierung und Angriffe sind neben der Angst auch Wut und Trauer über den Tod Familienmitgliedern, für den immer wieder Gesundheitspersonal verantwortlich gemacht wird. Aber auch Hass und Gewalt im Netz nehmen immer weiter zu. Es werden bewusst falsche Gerüchte und Verschwörungstheorien (z.B. „Dahintersteckt ein geheimer Plan…“), gemeine Geschichten oder erfundene „Tatsachen“ verbreitet, um diese schlecht zu machen. Aggression im Gesundheitswesen ist ein in Thema, das uns alle angeht.

Prävention jetzt besonders wichtig!

Helfer genießen den besonderen Schutz unserer Gemeinschaft. Daher ist es wichtig, dass immer seriös informiert wird. Die Angriffe haben Auswirkungen auf die körperliche und mentale Gesundheit der betroffenen Personen und führen dazu, dass sie ihre Arbeit nicht oder nur eingeschränkt durchführen können – und das oft in ohnehin überlasteten Gesundheitssystemen. Es ist daher wichtig, präventiv tätig zu sein. Aber auch potentielle Opfer sollen sensibilisiert werden. 

Tipps und Infos für Helfer*innen

Wenn möglich soll man auch keine Dienstkleidung im öffentlichen Raum tragen. Als Beispiel wird eine Sanitäter-Uniform genannt. Mit dieser gesehen zu werden birgt also offenbar ein erhöhtes Risiko. Bei Privat-Fahrzeugen sei darauf zu achten, “keine auf einen Gesundheitsberuf bezogenen Plaketten und andere Hinweise sichtbar im Auto anzubringen”. Schilder wie “Arzt im Dienst” oder “Rettungssanitäter” sollen also nur wenn das unbedingt notwendig ist hinter der Windschutzscheibe platziert werden. Auch auf die sichtbare Deponierung von Berufskleidung im Auto soll verzichtet werden. 

Zusätzlich Schulungen

Es gibt spezielle Schulungen des Personals in Deeskalation, Kommunikation und Selbstschutz. Einsatzlagen, etwa Feste mit vielen alkoholisierten Besuchern, sollten frühzeitig identifiziert werden als Orte, an denen Gewalt droht. Vor allem aber: Die Dokumentation von Gewalttaten gegen Rettungskräfte sollte konsequent erfolgen – und deren Weiterleitung an Strafverfolgungsbehörden. Die Sensibilisierung des Gesundheitspersonals für Gewalt wird im Wiener Programm für Frauengesundheit besonders deutlich gemacht.

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Bild: Samariterbund