Samariterbund: Arbeitskräftemangel so dramatisch wie nie zuvor

Der Arbeitskräftemangel gehört zu den größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft und ist ein ernstzunehmendes wirtschaftliches aber auch soziales Problem. In vielen Bereichen wird es immer schwieriger, offene Stellen mit dem richtigen Personal zu besetzen. Betroffenheit quer durch alle Branchen – von der Produktion bis zur Dienstleistung. Wir sprechen nicht mehr “nur” von einem Fachkräftemangel, sondern von einem Arbeitskräftemangel. Die „Babyboomer-Generation“ verabschiedet sich innerhalb der nächsten fünf Jahre aus dem Erwerbsleben und wird in zehn bis 20 Jahren ihrerseits pflegebedürftig sein. Die geburtenschwachen Generationen nach ihnen können rein zahlenmäßig diese Lücke nicht füllen.

Österreichische Unternehmen können bereits jetzt jede zehnte Stelle nicht besetzen. Viele Betriebe können Aufträge nicht mehr übernehmen, weil ihnen Arbeitskräfte fehlen. Personal fehlt in allen Bereichen – von Hochqualifizierten über Handwerker, Lehrlingen bis hin zu geringer qualifizierten Arbeitskräften. Überall werden Mitarbeiter gesucht: in Cafés, Restaurants und Geschäften, in Schulen und Krankenhäusern, in Werkstätten und Fabriken, bei der Polizei, beim Zoll und in der Verwaltung. Für betriebliche Abläufe bedeutet das zusätzliche Belastungen. Experten warnen seit Jahren vor einer Gefahr für die Sozialsysteme und die Wirtschaft. Der Personalnotstand in der elementaren Kinderbildung hat einen Höhepunkt erreicht: Kindergartengruppen beziehungsweise Krippen müssen schließen und ihre Öffnungszeiten einschränken. Für viele Mütter bedeutet das, dass sie ihrer Berufstätigkeit nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr nachgehen können. Dazu kommt noch dass die Teuerungswelle das Gemeinwohl gefährdet. Doch wie ist das ganze sozial und vor allem finanziell zu lösen? 

Der Arbeitskräftemangel ist so dramatisch wie nie zuvor

In den letzten Jahren hat die Arbeitswelt begonnen sich grundlegend zu verändern – und das wird in den nächsten Jahren so weitergehen. Wenige Branchen erleben eine dermaßen hohe Personalfluktuation, wie die Gastronomie und der Tourismus. Lockdowns und die Arbeitsmarktkrise haben das Problem aber mit scheinbar neuer Brisanz aufs Tableau gebracht. Die WKÖ setzt zahlreiche Maßnahmen, um das Image der Lehre zu steigern. So bewerben sie etwa das Modell Lehre nach Matura intensiv oder haben österreichweit einzigartig das Modell Lehre und Studium initiiert. Besonders im Fokus stehen dabei die Rekrutierung älterer Arbeitskräfte (50+), Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Arbeitskräfte aus dem Ausland, Höherqualifizierungen im Rahmen der Weiterbildung und Kooperationen mit Bildungseinrichtungen. Aber auch Unternehmen lassen sich einiges einfallen, um gute Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Besonders dramatisch – Die Situation im Pflegebereich

Rund 127.000 Menschen sind in der Pflege beschäftigt. Ein Drittel von ihnen sind über 50 Jahre alt und werden innerhalb der nächsten acht Jahre in Pension gehen. Bis 2030 werden deswegen und aufgrund der steigenden Zahlen von Pflegebedürftigen 76.000 zusätzliche Vollzeit-Pflegekräfte gebraucht. Die derzeitige Situation in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Pflege und Betreuung ist mehr als prekär und mittlerweile in ganz Österreich zu einer riesigen Herausforderung geworden. Das Pflegepersonal ist erschöpft und kann nicht mehr. Die körperlichen und psychischen Belastungen in diesen Bereichen haben mittlerweile die rote Linie weit überschritten und es ist dringender Handlungsbedarf gegeben. Im Jahr 2050 werden 750.000 Menschen Pflegeleistungen benötigen. Der Samariterbund begrüßt daher die Pflegeausbildung mit Matura im Regelschulwesen. Aber auch im Rettungs- und Krankentransport werden laufend Rettungsanitäter*innen gesucht  – hier wird zum Teil sogar die Ausbildung finanziert.

Schlechte Bezahlung

In einigen Berufen war es auch vor der Corona-Pandemie schon schwierig, Mitarbeiter zu finden. Das liegt auch daran, dass man in manchen Berufen wenig Geld verdient. Für viele sogar zu wenig, um davon leben zu können. Dazu kommt, dass man in diesen Berufen oft bis spät in die Nacht arbeitet oder viel zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit schaffen muss. Deshalb entscheiden sich viele jüngere Menschen erst gar nicht für diese Berufe. Dazu gehören zum Beispiele Pflegeberufe wie Krankenpflege oder Altenpflege.

Babyboomer gehen in den wohlverdienten Ruhestand – mit dramatischen Folgen

Die Herausforderung ist schnell erklärt: zwar starten jedes Jahr junge Menschen ins Berufsleben und fangen an zu arbeiten – gleichzeitig hören aber deutlich mehr ältere Menschen mit dem Arbeiten auf und gehen in Rente. Die Menschen, die im richtigen Alter sind, um zu arbeiten, werden also Jahr für Jahr immer weniger. Österreichs Gesellschaft altert rasant. Bis 2036 fallen knapp 30 Prozent der aktuellen Erwerbstätigen weg. Grund ist, dass die so genannte Babyboomer-Generation in Rente geht. Die Demografie steht Kopf – und rüttelt Arbeitsmarkt, Gesundheits- und Pensionssystem durcheinander. Weltweit ist ein Übergang dieser Generation in den Ruhestand bereits seit Jahren im Gange, was sowohl die Pensionssysteme als auch den Arbeitsmarkt in zunehmendem Ausmaß vor Herausforderungen stellt. Bis 2034 gehen mehr Österreicher in Pension als in den vergangenen sechzig Jahren. Laut Zahlen der Statistik Austria ist der Anteil der Über-65-Jährigen in Österreich seit dem Jahr 1955 von etwa 800.000 auf derzeit rund 1,57 Millionen gestiegen. Das wirft natürlich auch die Frage auf, wer wird diese Menschen pflegen, betreuen und versorgen?

Eigentlich sollen die Menschen später in Pension gehen

So hat es die Politik beschlossen und den Pensionseintritt nach hinten geschoben. Doch eine neue Studie zeigt: Die große Mehrheit der älteren Arbeitnehmer will nicht später, sondern früher in den Ruhestand. Von den geburtenstarken Jahrgängen möchte nicht einmal jeder Zehnte bis zur regulären Altersgrenze arbeiten. Unter bestimmten Voraussetzungen können Versicherte aber auch früher – mit und ohne Abschläge – in Altersrente gehen, sofern die erforderlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Das ist neben der Vollendung eines bestimmten Lebensalters auch die vorgesehene Mindestversicherungszeit (Wartezeit), bei vorgezogenen Altersrenten auch die Einhaltung von bestimmten Hinzuverdienstgrenzen.

Jugend von heute will eine Work Life Balance

Betriebe müssen besser bezahlen, für eine gute Work/Life Balance sorgen. Kurzgesagt: Betriebe müssen sich mehr anstrengen, attraktiv für ihr aktuelles Personal und das Zukünftige zu sein. Betriebe müssen nicht nur neues Personal gewinnen, sondern auch aktuelles halten. Zum Einen um Arbeitsbereitschaft und Motivation der Mitarbeiter zu erhalten und zu maximieren und zum Anderen, um am Arbeitsmarkt als attraktiver Arbeitgeber auftreten zu können, dem das Wohl seiner Mitarbeiter am Herzen liegt.

Um das zu erreichen setzen  viele Unternehmen diverse betriebliche Maßnahmen:

  • Flexible Arbeitszeiten und –modelle (Home Office)
  • Einführung betrieblicher Gesundheitstage
  • Gemeinsames gesundes Küche (Mitarbeiterküche)
  • Betriebssport oder Vergünstigen für Fitnessstudios
  • Betriebskindergärten
  • Möglichkeiten schaffen, um auch in den Büroräumlichkeiten aktiv zu werden (z.B.: Tischtennis, Drehfußball usw.)

 

Arbeitgeber müssen sich aber auch eine Strategie überlegen, wie sie die älterwerdenden Beschäftigungssuchenden langfristig behalten können. „Es bräuchte stabilere Beschäftigung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Unterstützung von Mobilität, Wohnmöglichkeiten, Infrastruktur in Tourismusregionen und altersgerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen.

Zukunftskompetenzen aus Sicht der Unternehmen

Fachwissen auch in Zukunft an erster Stelle, digitales Know-How als Ergänzung zu praxisorientierten, handwerklichen Fähigkeiten. Problemlösungskompetenz, personale (Motivation, Lernbereitschaft, Selbstständigkeit) und soziale Kompetenzen werden zunehmend wichtiger, ebenso wie Sprachkenntnisse. D.h. Qualifizierung, Ausbildung und Weiterbildung von Menschen, die bereits in Österreich leben. Ausdauer und Belastbarkeit gehören natürlich auch dazu.

Alles eine Frage der Finanzierung

Grundsätzlich werden in Österreich pflegebedürftige Menschen durch Geldleistungen, das Pflegegeld, und Sachleistungen, wie Plätze in Pflege- und Altenheimen und sozialen Diensten, unterstützt. Eine wichtige Säule des Pflegesystems ist das 1993 eingeführte Pflegegeld. Damals bezogen diese Leistung rund 299.000 Personen, Ende 2018 waren es bereits 461.000 Menschen und die Zahlen steigen! Und wer verdient das Geld für die Pensionisten? Die hohe Inflation erfordert gleichzeitig eine Erhöhung der Pensionen! Um dem bestehenden Arbeits- und Fachkräftemangel entgegenzuwirken wäre eine Idee z.B. auch, dass es für Pensionisten keine Einkommensgrenzen mehr geben sollte und sie ohne Abzüge hinzuverdienen dürfen. 

Quellen und Links:

 

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