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2012, das Jahr der Wiener Gesundheitsreformen

Die Reformen im Wiener Gesundheitswesen laufen großflächig an

Samariterbund – Gesundheitsinfo

Vorab: Niemand in Österreich fühlt sich so krank wie die Wiener. Dieses Bild zeichnet die aktuellste Gesundheitsbefragung der Statistik Austria aus dem Jahr 2008. Acht Prozent beschreiben ihren Gesundheitszustand als “schlecht” oder “sehr schlecht”, womit die Wiener an letzter Stelle im Bundesländervergleich liegen.

Im Bereich der chronischen Krankheiten werden die Wiener nur von den Burgenländern geschlagen. Und vor wenigen Tagen bestätigte eine Studie der Medizinischen Universität Wien: Menschen im Osten besitzen im Bundesländervergleich ein höheres Risiko, krank zu werden.

Das Wiener AKH – das größte Spital Europas

Ursprünglich hätte es Einsparungen bei den Nachtdiensten, bei Ambulanzen und in der Notaufnahme geben sollen – da die Medizinische Universität mit Budgetproblemen kämpft. Laut Rektor Wolfgang Schütz fehlten für 2012 rund neun Millionen Euro. Die Ärzte reagierten darauf mit Protestversammlungen und drohten Streiks an. Auch Prominente wie Otto Schenk stellten sich an die Seite der Mediziner.

Dieser Konflikt wurde jedoch entschärft, besser gesagt: vertagt.

Der Bund gewährt der Medizinischen Universität für 2012 nun eine finanzielle Überbrückungshilfe. Damit wird es die geplanten Einschränkungen ab Februar nicht geben. Trotzdem halten die Proteste an – die Ärzte fordern eine langfristige Finanzierung, da die Überbrückungshilfe Ende 2012 ausläuft, und dann wieder ein Budgetloch im AKH klafft.

Ein Megaprojekt, das 2012 erstmals sichtbare Formen annimmt:

Neu: Das Krankenhaus Wien-Nord. Ab dem Sommer wird der Rohbau errichtet, im Spätherbst bzw. Winter werden Fassadengestaltung und Dachausbau in Angriff genommen. Weshalb das Krankenhaus Wien-Nord in Floridsdorf so bedeutend ist? Es ist einerseits mit rund 800 Betten der größte Neubau seit Errichtung des AKH, und es soll die Probleme im bisher unterversorgten Norden jenseits der Donau lösen.

Das Wiener Spitalskonzept:

Das Krankenhaus Floridsdorf, die Semmelweisklinik und das Orthopädische Spital Gersthof übersiedeln zur Gänze in das neue Spital. Aus dem Krankenhaus Hietzing wechseln Herzchirurgie, Kardiologie und Teile der Neurologie zum Spital Wien-Nord. Aus dem Wilhelminenspital wird ein Teil der Kinder- und Jugendheilkunde in den Norden Wiens transferiert. Bis 2015 sollen alle Übersiedlungen abgeschlossen sein und soll das Spital in Teilbetrieb gehen. Wann das neue Krankenhaus in Vollbetrieb geht, ist dagegen noch offen.

Parallel dazu laufen die weiteren Arbeiten für die Umsetzung des neuen Wiener Spitalkonzepts.

Vom Kaiserin-Elisabeth-Spital übersiedelt Ende heurigen Jahres der chirurgische Schwerpunkt (Schilddrüse) von der Huglgasse in die Rudolfstiftung, die Kardiologie ins Donauspital. Anfang 2013 soll das Sofienspital geschlossen und vom Kaiserin-Elisabeth-Spital aufgenommen werden. Dazu werden die Psychiatrieplätze weiter ausgebaut. Die Rudolfstiftung erhält eine Abteilung, im Krankenhaus Wien-Nord entstehen 30 zusätzliche Plätze. Mit diesem Ausbau soll ein Problem gelöst werden, das die Untersuchungskommission zur Psychiatrie aufgezeigt hat: Es gibt in Wien derzeit eine Unterversorgung, vor allem Jugendliche und Kinder sind davon betroffen. Und dort, in der Jugendpsychiatrie, herrschen zum Teil unzumutbare Missstände, lautete das Fazit der U-Kommission. Mit einem neuen Konzept (Ausbau der Plätze) sollen diese Probleme nun sukzessive behoben werden.

Neben dem Spitalskonzept, dessen Hauptpfeiler das Krankenhaus Wien-Nord ist, soll heuer das Wiener Geriatriekonzept deutliche Fortschritte machen. Es sieht vor, große Pflegeeinrichtungen wie das Geriatriezentrum Am Wienerwald (ehemals Lainz) langfristig zu schließen und dezentral kleinere Häuser zu errichten. Heuer werden drei Projekte umgesetzt. Die Häuser Innerfavoriten, Simmering und Liesing gehen in Betrieb. Beim Kaiserin-Elisabeth-Spital entsteht 2015/16 dann das neue Pflegewohnheim Rudolfsheim-Fünfhaus; es übernimmt einen Großteil der Pflege vom Sofienspital – vor rund einem Monat wurde dazu das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs präsentiert.

Wie sind diese Reformen zu beurteilen?

Dazu der Gesundheitsökonom Christian Köck: “Grundsätzlich sind Reformen im österreichischen Gesundheitssystem überfällig.” Nachsatz: “Im Bundesländervergleich ist Wien das erste Land, das genau jene Maßnahmen unternimmt, die Experten seit Langem empfehlen.” Nämlich, kleine Spitäler wie Gersthof zu schließen und Schwerpunktkrankenhäuser zu errichten. Auch die Regionalisierung bei den psychiatrischen Einrichtungen lobt Köck: “Das ist gut und richtig.”

Trotzdem sieht der Experte Verbesserungsbedarf: “Nicht nur in Wien könnte die Produktivität gesteigert werden.” Teure Abteilungen wie die Radiologie und die Operationssäle könnten effizienter genutzt werden: “Die sind oft nur wenige Stunden täglich in Betrieb.”

Quelle: Die Presse